Wer ihm beim Sprechen zuhört, fühlt sich plötzlich ungemein beruhigt und wünscht sich ihn als Sprecher für das Lieblingshörspiel. Reinhold Weber, ausgebildeter Sprecher, Moderator und Sänger ist seit 2014 im Team der Moderatorenschule Baden-Württemberg als Stimm- und Spechtrainer tätig. Für ihn gibt es keine Sprachfehler oder Artikulationsstörungen, sondern „sprachliche Besonderheiten“, die den Wiedererkennungswert prägen. Mit diesen Besonderheiten zu arbeiten, ist seine Passion. Was dabei nie fehlen darf, ist eine kräftige Prise Humor. Im Interview gibt Reinhold Weber Tipps für den Umgang mit einem unserer sensibelsten Instrumente: Der eigenen Stimme.

Pamela Grether von der Newsletter-Redaktion: Lieber Reinhold, danke, dass du trotz vollem Terminkalender Zeit für ein kleines Interview hast. Was mich als Erstes interessiert: Was sind die häufigsten Stimm- und Sprechprobleme, mit denen die Menschen in dein Seminar „Die Macht der Stimme und des Sprechens“ kommen?

Reinhold Weber: Sehr gerne. Nun, fast alle Teilnehmenden kommen mit dem Ziel, den eigenen Stimmklang annehmen zu lernen und souveräner zu klingen. Gleichrangig ist der Wunsch, freier sprechen zu können, also nicht im auswendig gelernten Roboter-Sound zu sprechen und das Publikum damit komplett zu langweilen. Heutzutage lässt sich nahezu jeder Tipp im Internet recherchieren. Manche Tipps sind empfehlenswert, viele sind es partout nicht. Zudem halte ich ein persönliches, fachliches und konstruktives Feedback für essentiell wichtig.

PG: Wie wichtig ist das richtige Atmen für das Sprechen?

RW: Bei durchschnittlich 22.000 Atemzügen täglich macht es durchaus Sinn, über die eigene Atmung nachzudenken. Unsere Atmung ist direkt mit unserem Sprechtempo gekoppelt. Schnellsprecher stressen schnell und die langsame Fraktion verliert ihre Zuhörerinnen wiederum schnell. An einer professionellen Atemtechnik kommt demnach keiner vorbei, der professionell sprechen möchte oder muss.

2 Tipps für Schnellsprecher

 

PG: Hast du einen konkreten Tipp oder eine Übung für Schnellsprecher?

RW: Menschen, die einen schnellen Sprechrhythmus haben, kann ich zwei Tipps geben. Nummer 1, wie schon erwähnt: Achten Sie auf Ihre Atmung! Schnellsprecher reden oft einfach drauflos, ohne Punkt und Komma, verhaspeln sich dann und wirken dadurch hektisch. Sowohl Sprecher als auch Zuhörer verlieren den Faden. Das stresst! Mein Tipp ist: Bauen Sie Einatempausen ein! Beginnen Sie also nicht, aus dem Nichts zu sprechen. Atmen Sie bewusst ein, machen Sie eine kurze Pause, erst dann geht’s los. So entstehen automatische Sprechpausen, die uns etwas bremsen. Daraus ergibt sich auch mein zweiter Tipp: Verwenden Sie kürzere Sätze! Dadurch kommen mehr Atempausen ins Spiel. Ihr Publikum kann Ihnen viel besser folgen.

„Lispeln, Nuscheln und Stottern sind nur sprachliche Besonderheiten“

 

PG: Unsere YouTube-Videos zum Thema Lispeln und Nuscheln sind die absolut beliebtesten Videos unseres Kanals! Kann man es nur durch eigenes Üben, also ohne Logopäden oder Stimmtrainer, schaffen, Sprachfehler wie das Lispeln loszuwerden? Und wenn ja, wie lange benötigt man dafür in etwa?

RW: Lispeln und Nuscheln sind gesellschaftlich inzwischen weit verbreitet. Im Internet erst einmal „anonym“ auf Erkundungstour zu gehen, kann ich absolut verstehen. Hier kann man sich erste Erkenntnisse einholen. Nuscheln, Lispeln oder auch Stottern sind für mich sprachliche Besonderheiten – ich mag das Wort „Sprachfehler“ nicht. Diese Besonderheiten sollten unbedingt professionell begleitet werden. Mit der richtigen Methodik können Erfolge schnell hörbar werden. Wichtig sind hierbei effiziente, praxisorientierte Übungen und: jede Menge Humor.

PG: Welches ist deine liebste Übung, um das Lispeln wegzukriegen?

RW: Mein Favorit ist ungebrochen die „Zahnfee“. Nein, hier werden keine Zähne gezogen, sondern die Spannung zwischen Lippen, Zähnen und Zunge optimal abgestimmt. Vielleicht sollte ich mal ein Video hierzu aufzeichnen. Bis dahin gibt’s die Übung  „nur“ live.

PG: Und welches ist deine liebste Übung gegen Nuscheln?

RW: Der Korken und die Möhre jedenfalls nicht! (lacht) Von Störfaktoren im Mundraum halte ich nicht viel. Jeder Kiefer ist individuell. Jede Übung sollte demnach zur Person passen. Das Ziel ist, den Klangraum zu erweitern und den Mund zu öffnen. Das ist leichter gesagt, als getan. Oft geht mit Nuscheln eine innere Verschlossenheit einher oder einfach nur Sprechfaulheit. Hier braucht es die richtigen Impulse seitens des Coaches.

PG: Gibt es neben dem Lispeln und Nuscheln auch noch andere Artikulationsstörungen, die sich mit einem Stimm- und Sprechtraining korrigieren lassen?

RW: Oh ja, und ob! Auch hier mag ich das Wort „Störungen“ nicht wirklich. Wir alle bringen „Auffälligkeiten“ mit. Optisch wie auch akustisch. Offen gesagt: Manche Auffälligkeiten sind so einzigartig, dass sie den Wiedererkennungswert signifikant prägen. Hier fände ich es jammerschade, diesen dann abzutrainieren. Alle anderen sind trainierbar, ja.

„Mit unserer Stimme senden wir pure Emotionen.“

 

PG: Nach deiner persönlichen Einschätzung: Wie viel Prozent macht die Stimme für ein sympathisch und kompetent wirkendes Auftreten aus?

RW: Wow, das ist eine Frage! Renommierte Studien (bspw. Mehrabian) geben hierzu intensive Erkenntnisse. Ich selbst bin davon überzeugt, dass unsere Stimmen dauerhaft pure Emotionen senden. Da wir Menschen Entscheidungen emotional treffen, bin ich bei guten 90 %. Die ersten Sprechsekunden beeinflussen die Emotionalität der Hörenden also erheblich. Daher sind unsere Stimmen für mich der Erfolgsfaktor per se.

PG: Du selbst hast ja eine wunderbar angenehme, sonore Stimme. Wurde dir diese Stimme in die Wiege gelegt oder hast du viel daran gearbeitet?

RW: Oh, vielen Dank. Meine natürliche Stimmfarbe lag mir – wie jedem Menschen – in der Wiege. An meinem Klang und meiner Stimmqualität habe ich nicht nur viel, sondern tatsächlich Jahrzehnte lang diszipliniert gearbeitet. Ich übe nach wie vor nahezu täglich und achte sehr darauf, dass es meiner Stimme rundum gut geht.

PG: Gutes Stichwort: Zum Schluss möchten wir gerne noch deine „Top 5 Tipps für eine tolle Stimme“ wissen. Wie halte ich meine Stimme gesund und schaffe es, gut zu klingen?

RW: Ein gesunder, ausgeschlafener und fitter Körper hat in der Regel eine gesunde Stimme zur Folge. Das sind auch meine Stimmtipps: Ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung, Sport und Bewegung, Entspannung und jede Menge Humor! Für alles andere gilt meines Erachtens die Balance zwischen Genuss und Disziplin. Ich selbst bin für viele „zu diszipliniert und zu gesund unterwegs“. (lacht) Danke für das angenehme Interview. Ich gehe wieder in mein „Sprechzimmer“.

PG: Ich danke dir!

Mehrere Einstiegsübungen für eine klare und deutliche Aussprache gibt Ihnen Nicole Krieger, Moderatorin und Leiterin der Moderatorenschule Baden-Württemberg, in diesem Youtube-Video.