Die Welt ist unruhiger geworden und der Markt für Moderation mit ihr. Zwei Drittel der Deutschen beurteilen die wirtschaftliche Lage als düster. Die EU hat ihre Wachstumsprognose für Deutschland auf 0,6 % halbiert.* Für Veranstalter bedeutet das: zweimal nachdenken, wofür sie in diesen Zeiten Geld investieren. Die Folge: Wir erleben weniger Events als noch vor zwei Jahren – kleinere Veranstaltungen, weniger Budget, mehr Inhouse-Lösungen.
Was heißt das für Moderator*innen? Was erwarten Veranstalter von ihnen? Was müssen sie in Liveveranstaltungen und Onlineformaten bieten, um ihre Zielgruppen zu erreichen? Und wie verändert sich der Markt? Der Moderatorentag hat einige Antworten geliefert. Klar ist: 2026 wird es für Moderator*innen nicht nur darauf ankommen, souverän durch ein Programm zu führen. Gefragt sind menschliche Präsenz trotz KI, eine klare Positionierung, mehr Marktverständnis und die Fähigkeit, auch anspruchsvolle Zielgruppen sicher zu begleiten. Hier sind die fünf wichtigsten Trends, die ich für Moderatorinnen und Moderatoren im Jahr 2026 sehe:
1. Lebenskompetenz ist der KI überlegen
Um die neuesten KI-Tools ging es nur am Rande. Im Mittelpunkt stand das Wesentliche: Wie kommen Moderator*innen noch besser in Interaktion? Wie strahlen sie mehr Charisma aus? Wie leiten sie Podiumsdiskussionen noch souveräner? Das ist der Kern von Moderation, die Basis. Das Handwerkszeug ist die Voraussetzung, um auf einer Bühne oder vor einer Kamera ein Publikum durch ein Programm zu führen. Das ist der Standard, den Veranstalter bezahlen.
Dazu gehört heute selbstverständlich auch, KI-Tools sinnvoll einzusetzen – aber nicht darin, die Moderation der KI zu überlassen. Die Moderation selbst ist und bleibt eine Domäne menschlicher Kompetenz. Keine KI kann die Moderation – zumindest live, online und auf der Bühne – ersetzen. Keine KI liest den Raum, entscheidet in Bruchteilen einer Sekunde, welche Tonart ein Event auf Spur hält, oder spürt, was der Moment braucht, damit ein Publikum sich ernst genommen und wahrhaftig angesprochen fühlt und emotional mitgenommen wird. Gefragt ist nicht die glatte Fassade der KI, sondern Lebenskompetenz.
Ich warne an dieser Stelle ausdrücklich davor, sich von der KI Moderationstexte schreiben zu lassen. Ich höre das im Training sofort, wenn jemand schreiben ließ und die generischen Texte eines LLM wiedergibt. Das Publikum möchte sich im Moderator wiedererkennen und an dessen echter Erfahrung teilhaben. Es möchte sich für die Stunden des Programms einem Menschen anvertrauen, der schon das Richtige tun wird, um das Beste aus seiner Zeit zu machen.
2. Der Moderationsmarkt wird diverser
Wir beobachten eine spürbare Verschiebung: Auf der einen Seite drängen Influencer und Content Creators auf die Bühnen – als Publikumsmagnete durch ihre Reichweite, nicht durch professionelles Handwerk. Auf der anderen Seite moderieren zunehmend interne Mitarbeitende Unternehmensevents, weil es günstiger ist und ein Event aus den eigenen Reihen näher an der Zielgruppe spielt. Nach wie vor werden Prominente gebucht: Prominenz schlägt Kompetenz. Der Glamour-Faktor hat seinen Wert, wenn Gäste noch lange danach über das Event reden.
Und mittendrin: die klassischen, professionell ausgebildeten Moderatoren mit langjähriger Erfahrung in unterschiedlichen Formaten und Branchen.
3. Weniger Anfragen, aber neue Chancen für professionelle Moderation
Wie gut ist die Anfragensituation aktuell auf dem Markt? Diese Frage habe ich auf dem Moderatorentag in einer Session langjährigen Profikolleg*innen gestellt. Einig waren sich alle darin, dass Unternehmen und gemeinnützige Organisationen zurückhaltender sind mit der Durchführung von großen Veranstaltungen. Anfragen seien um ca. 20–30 Prozent zurückgegangen und würden kurzfristiger gestellt, so die Kolleg*innen.
Gleichzeitig bieten sich auch neue Chancen. Institutionen wie Ministerien, Universitäten und die öffentliche Hand öffnen sich verstärkt für externe Expertise und verpflichten auch Topmoderatoren zu regulären Honoraren. Hier punkten Profis durch Dialog- und Verantwortungskompetenz, die über reine Reichweite hinausgeht.
Diese Veranstalter erwarten nicht nur Beratung hinsichtlich der Programmdramaturgie, sondern auch die Sicherheit, das Programm und auch anspruchsvolle Zielgruppen souverän führen zu können. Dazu gehört auch die Fähigkeit, internen Fachsprech in allgemeinverständliche Sprache zu übertragen. Hier rentiert sich eine gute Moderatorenausbildung und thematische Expertise. Und der Mut, einem Veranstalter auch mal zu sagen, welche Idee nicht funktionieren wird. Dieses Kundensegment passt zu langjähriger Erfahrung und Seniorität. Prädestiniert für Moderatoren ab 40.
4. Spitze Positionierung statt Bauchladen
In einer Welt, in der vieles in Bewegung ist, wünschen sich Veranstalter mehr denn je eine Moderation, die Sicherheit und Orientierung gibt. Mit einem Angebot nach dem Motto „ich kann alles und davon ganz viel“ erzeugen Moderatoren genau das Gegenteil. Profis raten deshalb klar zur Spezialisierung.
Wer 20 Jahre Erfahrung als Finanzexperte mitbringt, moderiert Finanzveranstaltungen mit einem Insiderwissen, das andere nicht haben. Die Nische schafft langfristige Anerkennung als Experte. Dasselbe gilt für ein ganzheitliches Signature-Konzept: Auch das zielt auf eine klare Positionierung. Beides ist unerlässlich, um im Wettbewerb sichtbar zu bleiben. Eine klare Marke zieht die richtigen Kunden an und rechtfertigt deutlich höhere Honorare. Die Zukunft gehört Moderatoren mit klarer Wertehaltung, erkennbarer Handschrift und echter Substanz als Personenmarke – die nicht nur durch ein Programm führen, sondern Wirkung erzielen: im Sinne des Veranstalters und als überzeugende Persönlichkeit.
5. Moderator*innen müssen wissen, was die Welt zusammenhält
In der eigenen Bubble zu kreisen reicht heute nicht mehr. Moderator*innen müssen sich mit den Unternehmen transformieren und gleichzeitig ihre eigenen Stärken im Blick behalten. Wer für Organisationen und Unternehmen moderiert, muss zwingend verstehen, was sie in diesen Tagen bewegt. Und dafür braucht es nicht nur Recherche über das Unternehmen, für das man gerade arbeitet. Erfolgreiche Moderatoren können diese Recherche einordnen in ein größeres Weltbild, in das Wissen, was Wirtschaft insgesamt antreibt. Sie können Informationen bewerten und verstehen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft insgesamt.
Professionelle Moderation ist anspruchsvoller geworden. Im Jahr 2026 müssen wir nicht nur unser Handwerkszeug sicher beherrschen, ständig neue KI-Tools erlernen, unser Business erfolgreich führen, unsere Persönlichkeit weiterentwickeln, sondern auch verstehen, was die Welt zusammenhält.

